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Was Hitzewellen, die Deutsche Bahn und digitale Souveränität gemeinsam haben

Oder warum wir oft erst dann handeln, wenn es weh tut.
15. Juli 2026 durch
Was Hitzewellen, die Deutsche Bahn und digitale Souveränität gemeinsam haben
SQUILD GmbH, Matthias Tinnemeier


Seit Tagen sind Ventilatoren und mobile Klimaanlagen vielerorts ausverkauft. Mit jeder weiteren Hitzewarnung steigen die Preise, verlängern sich die Lieferzeiten und plötzlich wird Klimatisierung zum Gesprächsthema in Büros und Unternehmen.

Dabei kam der Sommer nicht überraschend. Wer sich bereits im Winter mit dem Thema beschäftigt hätte, hätte eine größere Auswahl gehabt, weniger bezahlt und die Geräte rechtzeitig erhalten.

Ein ähnliches Muster zeigte sich kürzlich bei der Deutschen Bahn. Der Ausfall des digitalen Zugfunksystems führte dazu, dass der Fernverkehr in weiten Teilen Deutschlands für mehrere Stunden beeinträchtigt war. Plötzlich wurde sichtbar, wie abhängig ein komplexes System von einzelnen zentralen Komponenten sein kann.

Mich beschäftigt dabei weniger das einzelne Ereignis.

Mich beschäftigt das Muster dahinter:

Wir investieren häufig erst dann in Resilienz, wenn wir erlebt haben, wie sich fehlende Resilienz anfühlt.

Und genau dieses Muster beschränkt sich nicht auf Hitzewellen oder kritische Infrastrukturen. Es begegnet uns überall dort, wo Entscheidungen unter Unsicherheit getroffen werden müssen. Auch in Unternehmen.


Warum fällt uns Vorsorge eigentlich so schwer?

Interessanterweise ist dieses Verhalten kein Zufall. Die Psychologie beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Frage, warum Menschen bekannte Risiken häufig unterschätzen und Veränderungen aufschieben.

Ein Grund dafür ist der sogenannte Status-quo-Bias. Menschen bevorzugen den aktuellen Zustand, selbst wenn objektiv bessere Alternativen existieren. Veränderungen bedeuten Unsicherheit, Aufwand und kurzfristige Kosten. Solange ein System funktioniert, erscheint es deshalb oft sinnvoller, nichts zu verändern.

Hinzu kommt der Normalcy Bias. Wir neigen dazu anzunehmen, dass die Zukunft ähnlich verlaufen wird wie die Vergangenheit. Wenn bisher nichts passiert ist, gehen wir unbewusst davon aus, dass auch künftig alles funktionieren wird. Gerade seltene, aber folgenschwere Ereignisse werden dadurch systematisch unterschätzt.

Verstärkt wird dieses Verhalten durch das sogenannte Prospect Theory Modell von Daniel Kahneman und Amos Tversky. Menschen gewichten unmittelbare Kosten häufig stärker als zukünftige Risiken. Die Investition in Vorsorge fühlt sich heute wie ein sicherer Aufwand an. Der mögliche Schaden liegt dagegen in einer ungewissen Zukunft und wird deshalb psychologisch ausgeblendet.

Für Unternehmen ist das eine besondere Herausforderung.

Denn gute Unternehmensführung bedeutet oft, Entscheidungen zu treffen, deren Nutzen sich erst Jahre später zeigt. Resilienz und Sicherheitskonzepte erzeugen selten kurzfristige Wettbewerbsvorteile. Ihr eigentlicher Wert wird häufig erst dann sichtbar, wenn andere plötzlich unter Druck geraten.

Vielleicht ist genau das die eigentliche Aufgabe von Führung. Nicht nur auf das zu reagieren, was heute dringend erscheint, sondern Verantwortung für das zu übernehmen, was morgen entscheidend werden könnte.


Was hat das mit digitaler Souveränität zu tun?

Mehr, als man auf den ersten Blick vermuten würde.

Viele mittelständische Unternehmen arbeiten heute selbstverständlich mit Cloud-Diensten, KI-Anwendungen und internationaler Unternehmenssoftware. Das ist weder falsch noch problematisch. Im Gegenteil. Diese Technologien schaffen Produktivität, Innovation und neue Möglichkeiten.

Die entscheidende Frage lautet aus meiner Sicht jedoch:
Wie gut kennen wir eigentlich die Abhängigkeiten, die dadurch entstehen?

Ein Gedankenexperiment

Stellen wir uns folgendes vor:

Die geopolitische Spannungen zwischen Europa und den USA würden weiter zunehmen. Im Zuge neuer Exportbeschränkungen oder regulatorischer Entscheidungen wäre der Zugriff auf einzelne KI-Dienste oder Cloud-Services außerhalb der USA plötzlich eingeschränkt. Vielleicht nicht dauerhaft. Vielleicht auch nur für bestimmte Branchen oder Anwendungsfälle.

Was würde das für Unternehmen bedeuten, deren tägliche Arbeit auf genau diesen Diensten aufbaut?

  • KI-gestützte Kundenservices könnten nicht mehr arbeiten.

  • Interne Wissensdatenbanken wären plötzlich nicht mehr erreichbar.

  • Entwicklungsabteilungen müssten kurzfristig ihre Werkzeuge wechseln.

  • Geschäftsprozesse würden ins Stocken geraten, obwohl im eigenen Unternehmen technisch alles funktioniert.

Vielleicht wird dieses Szenario niemals eintreten. Ich hoffe sogar, dass es niemals eintritt.

Aber genau darum geht es bei verantwortungsvoller Unternehmensführung.

Nicht darum, den schlimmsten Fall zu erwarten.

Sondern sich rechtzeitig mit den eigenen Abhängigkeiten auseinanderzusetzen, solange noch Handlungsspielraum besteht.

Digitale Souveränität ist kein Selbstzweck

Für mich bedeutet digitale Souveränität nicht, internationale Anbieter zu vermeiden oder alles selbst zu betreiben.

Sie bedeutet, sich bewusst zu entscheiden:

Zu wissen, auf welchen Fundamenten das eigene Unternehmen steht.

Zu verstehen, welche Alternativen es gibt.

Und sich die Freiheit zu erhalten, den eigenen Kurs auch dann noch bestimmen zu können, wenn sich die Rahmenbedingungen verändern.

Vielleicht ist das der eigentliche Unterschied zwischen Reaktion und Weitsicht.

Wie können Unternehmen diese Denkfallen überwinden?

Wenn uns unsere Psychologie eher dazu verleitet, Risiken zu unterschätzen, stellt sich eine naheliegende Frage: Wie trifft man als Unternehmer:in trotzdem gute Entscheidungen?

Aus meiner Sicht beginnt das mit einem Perspektivwechsel.

Anstatt zu fragen: "Warum sollten wir etwas verändern?", hilft oft die umgekehrte Frage:

Was würde passieren, wenn wir nichts verändern?

Dieses einfache Gedankenexperiment verändert den Blick auf viele Entscheidungen.

  • Welche Auswirkungen hätte es auf unser Unternehmen, wenn ein zentraler Cloud-Dienst morgen nicht mehr verfügbar wäre?
  • Wie schnell könnten wir unsere Daten migrieren?
  • Wie abhängig sind wir von einzelnen Anbietern?
  • Welche Geschäftsprozesse würden als Erstes stillstehen?

Es geht dabei nicht darum, den schlimmsten Fall zu erwarten. Gute Unternehmer:innen führen ihr Unternehmen schließlich auch nicht aus Angst.

Es geht darum, Risiken bewusst zu verstehen und sie in Entscheidungen einzubeziehen.

Genau deshalb investieren Unternehmen auch in Brandschutz, Versicherungen oder Notstromversorgung. Nicht, weil sie fest mit einem Brand oder einem Stromausfall rechnen. Sondern weil sie Verantwortung für den Fortbestand ihres Unternehmens übernehmen.

Ich glaube, digitale Souveränität sollte nach demselben Prinzip betrachtet werden.

Sie sollte keine Reaktion auf eine Krise sein. Sondern als Ausdruck einer langfristigen und verantwortungsvollen Unternehmensführung interpretiert werden.

Fazit

Die Hitzewelle zeigt, wie wir Menschen oft handeln. Wir kaufen Ventilatoren und Klimaanlagen erst dann, wenn sie knapp werden. Nicht, weil wir den Sommer nicht kommen sehen, sondern weil wir Risiken erst ernst nehmen, wenn sie unmittelbar spürbar werden.

Unternehmen ticken häufig genauso.

Sie investieren in Resilienz, Redundanz oder digitale Souveränität oft erst dann, wenn Abhängigkeiten sichtbar werden oder ein Ausfall bereits Folgen hat.

Doch gute Unternehmensführung beginnt früher.

Sie beginnt mit der Bereitschaft, Entscheidungen zu treffen, solange noch echte Wahlmöglichkeiten bestehen.

Digitale Souveränität ist deshalb aus meiner Sicht kein IT-Thema. Sie ist Ausdruck verantwortungsvoller Unternehmensführung.

Denn die beste Zeit, über Resilienz nachzudenken, ist nicht dann, wenn sie fehlt.
Die beste Zeit dafür ist da, solange sich Resilienz noch aktiv gestalten lässt.



Quellen und weiterführende Literatur

Kahneman, D. & Tversky, A. (1979). Prospect Theory: An Analysis of Decision under Risk. Econometrica, 47(2), 263–291.

https://www.jstor.org/stable/1914185

Samuelson, W. & Zeckhauser, R. (1988). Status Quo Bias in Decision Making. Journal of Risk and Uncertainty, 1(1), 7–59.

https://link.springer.com/article/10.1007/BF00055564

Paton, D. (2003). Disaster Preparedness: A Social-Cognitive Perspective. Disaster Prevention and Management.

https://doi.org/10.1108/09653560310480686

Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). Informationen zur digitalen Souveränität und Resilienz kritischer Infrastrukturen.

https://www.bsi.bund.de

European Union Agency for Cybersecurity (ENISA). Publikationen zu Cyber Resilience und Digital Sovereignty.

https://www.enisa.europa.eu


Was Hitzewellen, die Deutsche Bahn und digitale Souveränität gemeinsam haben
SQUILD GmbH, Matthias Tinnemeier 15. Juli 2026
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